Die Scheibenwischer kratzen quietschend über die Windschutzscheibe, während ich auf meinem Handy nach einem passenden Lied für meine Stimmung suche. Es ist Freitag, der einundzwanzigste Oktober und ich befinde ich auf dem Heimweg von der Arbeit, auf der heute wirklich alles schief lief. Verflucht sei meine Tollpatschigkeit. Meine Gedanken wandern zu P., mit der ich abends Sushi essen gehen will. Wenigstens ein Lichtblick an diesem verkorksten Tag. Langsam rollt die Lawine vor mir in Richtung Autobahn. Ich seufze. In maximal einer halben Stunde werde ich zuhause sein und mich in meinem Bett verkriechen können. Dann ertönt eins meiner Lieblingslieder seit Jahren in den Boxen meines geliebten Kleinwagens. Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, meine Stimmung beginnt sich zu heben - hey, es ist Wochenende. Ich beginne tatsächlich, mich zu entspannen. Mein Auto ist das letzte in einer Kette von etwa zehn Wägen, die einem Lastwagen hinterherkriechen. Der Himmel ist wolkenverhangen, grau, es nieselt. Herbstwetter. Mein Blick stur auf die Straße gerichtet, als wie in Zeitlupe ein mir entgegenkommender Wagen unvermittelt das Lenkrad verreißt - Sekundenbruchteile; ich merke noch, dass etwas nicht stimmen kann; ich fühle mich wie in Watte gepackt; das Blut rauscht in meinen Ohren; ein gewaltiger Knall; ich schleudere nach rechts in den Graben; mein Herz droht zu zerspringen; Reifen quietschen;
Dann Stille. Bin nicht mehr Teil dieses Körpers, schwebe über mir; kann nicht begreifen was passiert ist; hyperventiliere; was soll ich tun?; geht es mir gut?; warum hält niemand an?;
warum hilft mir niemand?
Es verändert deine Weltsicht, es verändert dich. Wenn du begreifst, dass du tot gewesen wärst, wenn du nicht unbewusst blitzschnell nach rechts gelenkt hättest und der Geländewagen dich frontal und nicht sichtlich erwischt hätte.
Du beginnst wieder zu beten, dich zu bedanken, du beginnst das Leben wertzuschätzen. Du beginnst zu hinterfragen. Du realisiert, dass zwei Sekunden alles verändern können.
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